Liebe Bridgefreundinnnen und –Freunde

Bridge gibt uns mehr als Spielregeln, auch Lebensweisheiten sind darin enthalten und die Möglichkeit, viel über uns selber zu erfahren.

Frei nach Goethe soll ja nicht nur jeder Beruf sondern jede Tätigkeit dazu geeignet sei, den grossen Lebenszusammenhängen auf die Spur zu kommen, oder, in seinen Worten ausgedrückt, zu erkennen
was die Welt
im Innersten zusammenhält.

Gleichsam werden wir aber wieder enttäuscht, wenn Goethe seinen Dr. Faust, nachdem dieser Philosophie, Juristerei, Medizin und Theologie studiert hat, verzweifelt sagen lässt: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor“.

Nun, so einfach scheint das Ganze wohl doch nicht zu sein, aber dennoch bin ich überzeugt, dass sich hinter jeder Tätigkeit und jeder Wissenschaft Lebensweisheiten verbergen, die es wert sind, erkannt und näher beleuchtet zu werden.

Und wenn es überall wesentliche Erkenntnisse zu finden gibt, ja dann wohl auch im Bridge.

Im Bridge hat mir zunächst der Satz Eindruck gemacht: „Wenn eine Wahrscheinlichkeit noch so klein ist, es muss damit gearbeitet werden, wenn sie die einzige Chance bietet, den Kontrakt zu erfüllen, denn auch die unwahrscheinlichste Wahrscheinlichkeit trifft einmal zu und wenn nicht, ist nichts verloren“. Wie oft unterlassen wir es im Alltag etwas zu tun, mit der Begründung „das nützt ja eh nichts“ und wie oft wohl vergeben wir eine Chance dabei? Seit dem ich Bridge spiele, frage ich mich wesentlich häufiger: „Was habe ich zu verlieren, wenn ich es dennoch versuche?“. Und siehe da, immer wieder sehe ich, dass ich kaum etwas zu verlieren habe (vielleicht etwas Zeit oder Energie für eine Auseinandersetzung), dass ich aber immer wieder die gute Erfahrung machen kann, dass sich der Einsatz gelohnt hat.

Ein anderer Satz, der mir im Bridge gefällt, ist: “Mit der Stärke durch den Tisch“. Auch dieser Satz gilt nicht nur im Bridge. Wenn wir uns dem Bedrohlichen stellen, dann läuft vieles besser als wenn wir dem Widerstand ausweichen und dann (an vierten Stelle) überrascht werden. In der menschlichen Psyche können Ausweichmanöver psychische Folgeschäden verursachen. Wie oft habe ich früher ans Bridge gedacht, wenn ich in den Therapien die Gefahren des Ausweichens erläutert habe!

Und so gibt es weitere Sätze wie: „Gibt es etwas Wichtigeres zu tun, als Trümpfe zu ziehen?“ ist es wirklich sinnvoll, gleich das Naheliegendste zu tun bzw. das einzufahren, was einem am wertvollsten erscheint?

Oder: „Niemals dem Gegner die Chance nehmen, einen Fehler zu machen“. Wie oft vergeben wir uns etwas, weil wir andere überschätzen. Aber natürlich gilt auch das Gegenteil: „Der Gegner schläft nicht“ erinnert daran, dass wir nicht die Einzigen sind die denken, nicht nur im Bridge nicht.

Nun, wenn wir mit Bridge wohl nicht den allumfassenden Lebenszusammenhang erleuchten können (den es vielleicht ja auch gar nicht gibt), so bietet das Spiel doch immer die Möglichkeit, einen erweiterten Lebenszusammenhang zu erkennen. Ich wünsche Euch allen viel Freude beim Erkennen Eurer eigenen Lebensweisheiten am Bridgetisch während einer hoffentlich besinnlichen Weihmachtszeit.

Herzlichst
Jacqueline Frossard